Reflexion über Bund und Mission

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Konsultation des Nationalen Rates der Synagogen und des Bischöflichen Komitees für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten

Stati Uniti d'America       12/08/2002

VORWORT

Für über zwanzig Jahre haben sich führende Persönlichkeiten der jüdischen und römisch-katholischen Gemeinschaften halbjährlich getroffen, um einen weiten Themenkreis katholisch-jüdischer Beziehungen zu diskutieren. Gegenwärtig sind die Teilnehmer an diesen laufenden Konsultationen Delegierte des Bischöflichen Komitees für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten (BCEIA) und des Nationalen Rates der Synagogen (NCS). Der NCS repräsentiert die Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner, die Rabbinische Versammlung des konservativen Judentums, die Union der amerikanischen hebräischen Kongegationen und die Vereinigte Synagoge des konservativen Judentums. Seine Eminenz Kardinal William Keeler, Moderator für katholisch-jüdische Beziehungen der US-Bischöfe, Rabbiner Joel Zaiman von der Rabbinischen Versammlung des konservativen Judentums und Rabbiner Michael Signer von der Union der amerikanischen hebräischen Kongegationen führen gemeinsam den Vorsitz der Konsultation. Die Gespräche haben bereits vorangegangene öffentliche Stellungnahmen über Fragen wie ,Kinder und die Umwelt' und ,Handlungen aus religiösem Hass' hervorgebracht.

In ihrer Versammlung am 13. März 2002 in New York City hat die BCEIA-NCS-Konsultation die Frage untersucht, wie die jüdische und die römisch-katholische Tradition gegenwärtig Bund und Mission verstehen. Jede Delegation bereitete Reflexionen vor, die von der Konsultation diskutiert und abgeklärt als Erklärung des gegenwärtigen Standes dieser Frage innerhalb jeder Gemeinschaft abgegeben wurde. Die BCEIA-NCS-Konsultation beschloss, ihre Erwägungen zu veröffentlichen, um Juden und Katholiken überall in den Vereinigten Staaten zu ermutigen, über diese Angelegenheiten ernsthaft nachzudenken. Nachdem die ursprünglichen Erklärungen ausgiebig verfeinert wurden, werden die getrennten römisch-katholischen und jüdischen Reflexionen über die Themen Bund und Mission hier dargeboten.

Die römisch-katholischen Reflexionen beschreiben die wachsende Achtung gegenüber der jüdischen Tradition, die sich seit dem Zweiten vatikanischen Konzil entfaltet hat. Eine vertiefte katholische Wertschätzung des ewigen Bundes zwischen Gott und dem jüdischen Volk, zusammen mit einer Anerkennung einer den Juden göttlich-gegebenen Mission, Gottes treue Liebe zu bezeugen, führte zu der Überzeugung, dass missionarische Bemühungen, Juden zum Christentum zu bekehren, in der katholischen Kirche theologisch nicht länger annehmbar sind.

Die jüdischen Reflexionen beschreiben die Mission der Juden und die Vervollkommnung der Welt. Diese Mission wird unter drei Gesichtspunkten gesehen. An erster Stelle stehen die Verpflichtungen, die sich aus der Liebeserwählung des jüdischen Volkes zu einem Bund mit Gott ergeben. Zweitens besteht die Mission, Zeuge der erlösenden Macht Gottes in der Welt zu sein. Drittens hat das jüdische Volk eine Mission, die sich an alle Menschen richtet. Die jüdischen Reflexionen schliessen mit der dringenden Aufforderung an Juden und Christen, eine gemeinsame Tagesordnung zur Heilung der Welt zu artikulieren.

Die NCS-BCEIA-Konsultation ist besorgt über die andauernde Unwissenheit und die gegenseitigen Karikaturen, die immer noch in vielen Kreisen der katholischen und jüdischen Gemeinschaften bestehen. Die Konsultation hofft, dass diese Reflexionen gelesen und diskutiert werden als Teil eines laufenden Prozesses zunehmenden gegenseitigen Verstehens.

Die NCS-BCEIA-Konsultation bestätigt erneut ihre Verpflichtung, unseren Dialog zu vertiefen und ein gutes Einvernehmen zwischen den jüdischen und katholischen Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten zu fördern.

RÖMISCH-KATHOLISCHE REFLEXIONEN
Einleitung
Die Gaben, die der Heilige Geist der Kirche durch die Erklärung Nostra Aetate des Zweiten vatikanischen Konzils geschenkt hat, entfalten sich ständig. Die Jahrzehnte seit ihrer Proklamation im Jahr 1965 haben eine ständige Annäherung zwischen der römisch-katholischen Kirche und dem jüdischen Volk gesehen. Obwohl Kontroversen und Missverständnisse weiterhin vorkommen, hat sich doch graduell eine Vertiefung des gegenseitigen Verstehens und des gemeinsamen Vorhabens entwickelt.

Nostra Aetate hat auch eine Reihe von kirchenbehördlichen Anweisungen inspiriert, davon drei Dokumente, die von der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden vorbereitet wurden: Richtlinien und Vorschläge zur Durchführung der Konzilserklärung Nostra Aetate Nr. 4 (1974); Anmerkungen zur rechten Weise, Juden und Judentum in der Predigt und Lehre der römisch-katholischen Kirche darzustellen (1985); und Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoa (1998). Papst Johannes Paul II. hat sich in vielen Botschaften geäussert und sich in verschiedenen wichtigen Handlungen engagiert, die katholisch-jüdisches Einvernehmen gefördert haben. Zahlreiche Stellungnahmen zum katholisch-jüdischen Verhältnis sind auch überall in der Welt von nationalen katholischen Bischofskonferenzen verfasst worden. In den Vereinigten Staaten haben die Konferenz katholischer Bischöfe und ihre Ausschüsse viele einschlägige Dokumente herausgegeben, einschliesslich der „Richtlinien für katholisch-jüdische Beziehungen” (1967, 1985), „Kriterien zur Beurteilung von Passionsspielen” (1988), „Gottes Erbarmen währt ewig: Richtlinien zur Darstellung der Juden und des Judentums in der katholischen Predigt” (1988) und kürzlich „Katholische Lehre über die Schoa: Durchführung der Erklärung des Heiligen Stuhls ,Wir erinnern'“ (2001).

Ein Überblick dieser über die vergangen Jahrzehnte hinweg abgegebenen katholischen Erklärungen zeigt, dass sie sich progressiv immer weiterer Aspekte des komplexen Verhältnisses zwischen Juden und Katholiken angenommen haben, zugleich mit dem Einfluss, den sie auf die Ausübung des katholischen Glaubens ausüben. Diese Arbeit, inspiriert durch Nostra Aetate, schloss interreligiösen Dialog, gemeinsame Bildungsunternehmen und gemeinsame theologische und historische Forschungen durch Katholiken und Juden ein. Dies wird in das neue Jahrhundert hinein forgesetzt werden.

Im gegenwärtigen Augenblick dieses Prozesses der Erneuerung sind die Themen ,Bund und Mission‘ in den Vordergrund gerückt. Nostra Aetate leitete dieses Denken ein, indem es Römer 11,28-29 zitierte und das jüdische Volk bezeichnete als „immer noch von Gott geliebt um der Väter willen, sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich”. Johannes Paul II. hat ausdrücklich gelehrt, die Juden seien „das Volk des Alten Bundes, der von Gott niemals widerrufen wurde”, „das heutige Volk des Bundes, der mit Mose geschlossen wurde” und „Partner in einem Bund der ewigen Liebe, die niemals widerrufen wurde”.

Die nach Nostra Aetate vollzogene Anerkennung der Permanenz des Bundesverhältnisses des jüdischen Volkes mit Gott hat zu einer neuen Einschätzung der nachbiblischen oder rabbinischen Tradition geführt, die in der christlichen Geschichte beispiellos ist. Die vatikanischen „Richtlinen“ von 1974 bestanden darauf, dass Christen „sich bemühen müssen zu lernen, durch welche wesentlichen Merkmale Juden sich selbst im Licht ihrer eigenen religösen Erfahrung definieren“. Die vatikanischen „Anmerkungen“ von 1985 priesen das nachbiblische Judentum für das Tragen „eines Zeugnisses an die ganze Welt - oft heroischer Natur - seine Treue dem einen Gott gegenüber um ,ihn zu erhöhen unter allen Lebenden‘ (Tobit 13,4)“. Die „Anmerkungen“ bezogen sich weiterhin auf Johannes Paul II., indem sie Christen aufforderten sich zu erinnern, „wie die Permanenz Israels von einer bleibenden geistlichen Fruchtbarkeit begleitet ist, in der rabbinischen Periode, im Mittelalter und in moderner Zeit, indem sie ihren Anfang aus einem väterlichen Erbe bezieht, an dem wir lange teilhatten, und zwar so stark, dass ,der Glaube und das religiöse Leben des jüdischen Volkes, wie sie heute noch bekannt und praktiziert werden, uns sehr helfen können, bestimmte Aspekte des Lebens der Kirche besser zu verstehen“ (Johannes Paul II. am 6. März 1982). Dieses Thema ist von den katholischen Bischöfen der Vereinigten Staaten in Erklärungen wie „Gottes Erbarmen währt ewig“ aufgenommen worden, das Prediger anweist, sich „bei der Auslegung der Bedeutung der hebräischen und apostolischen Schriften frei jüdischer (rabbinischer, mittelalterlicher und moderner) Quellen zu bedienen“.

Die nachbiblische „geistliche Fruchtbarkeit“ blieb auch in Ländern erhalten, in denen Juden eine winzige Minorität waren. Das war so im christlichen Europa, obwohl, wie Kardinal Edward Idris Cassidy bemerkte, „in der christlichen Welt von der Zeit des Kaisers Konstantin an Juden isoliert und diskriminiert wurden. Es gab Vertreibungen und erzwungene Bekehrungen. Die Literatur propagierte Stereotypen, und in Predigten wurden die Juden aller Zeiten des Gottesmordes bezichtigt“. Diese historische Zusammenfassung verstärkt die Wichtigkeit der Lehre der vatikanischen „Anmerkungen“ von 1985, „Die Permanenz Israels (angesichts der Tatsache, dass viele der alten Völker ohne jede Spur verschwunden sind) ist eine historische Tatsache und ein Zeichen, das innerhalb des Planes Gottes zu deuten ist“.

Die Kenntnis der Geschichte jüdischen Lebens innerhalb des Christentums veranlasst uns ausserdem, biblische Texte wie Apostelgeschichte 5,33-39 mit neuen Augen zu lesen. In diesem Abschnitt erklärt der Pharisäer Gamaliel, nur Bewegungen göttlichen Ursprungs hätten Bestand. Wenn dieses Prinzip des Neuen Testaments von Christen heute als gültig für das Christentum angesehen wird, dann muss es sich logischerweise auch auf das nachbiblische Judentum anwenden lassen. Das rabbinische Judentum, das sich nach der Zerstörung des Tempels entwickelte, muss dann ebenfalls „von Gott“ sein.

Neben diesen theologischen und historischen Erwägungen sind viele Katholiken in den Jahrzehnten seit Nostra Aetate durch die Möglichkeit gesegnet worden, persönlich das reiche religiöse Leben und die göttlichen Gaben der Heiligkeit des Judentums zu erfahren.

Die Mission der Kirche: Evangelisation
Derartige Reflexionen und Erfahrungen des ewigen Bundeslebens des jüdischen Volkes mit Gott werfen Fragen auf über die christliche Aufgabe, die Gaben des Heils zu bezeugen, die die Kirche durch ihren „neuen Bund“ in Jesus Christus empfängt. Das Zweite vatikanische Konzil fasste die Mission der Kirche folgendermassen zusammen:

Obwohl die Kirche der Welt hilft und viel Nutzen von ihr bezieht, hat sie eine einzige Absicht: dass Gottes Reich kommen möge und die Rettung der gesamten Menschheit geschehe. Denn jeder Nutzen, den das Volk Gottes auf seiner irdischen Pilgerreise der menschlichen Familie bieten kann, entstammt der Tatsache, dass die Kirche „das universale Sakrament des Heils“ ist, das gleichzeitig das Geheimnis der Liebe Gottes zur Menschheit manifestiert und anwendet.

Die Mission der Kirche kann in einem Wort zusammengefasst werden: Evangelisation. Papst Paul VI. gab dafür eine klassische Definition: „Die Kirche weiss zu würdigen, dass Evangelisation das Hinaustragen der frohen Botschaft in jeden Sektor der Menschheit bedeutet, so dass es durch seine Kraft in die Herzen der Menschen dringt und die Menschheit erneuert“. Evangelisation bezieht sich auf eine komplexe Wirklichkeit, die manchmal missverstanden und auf die Anwerbung neuer Taufkandidaten reduziert wird. Es ist die Weiterführung der Mission Jesu Christi, der das Leben des Reiches Gottes verkörperte. Wie Papst Johannes Paul II. erklärte:

Das Reich geht jeden an: den Einzelnen, die Gesellschaft und die Welt. Für das Reich arbeiten, bedeutet, die Aktivität Gottes anzuerkennen und zu fördern, die in der menschlichen Geschichte gegenwärtig ist und sie umgestaltet. Das Reich bauen, heisst für die Befreiung vom Bösen in allen seinen Formen zu arbeiten. Kurz, das Reich Gottes ist die Manifestation und Verwirklichung des Heilsplanes Gottes in seiner ganzen Fülle. Es ist hervorzuheben, dass Evangelisation, das Werk der Kirche für das Reich Gottes, nicht von ihrem Glauben an Jesus Christus getrennt werden kann, in welchem Christen das Reich als „gegenwärtig und erfüllt“ vorfinden. Evangelisation schliesst ein: die kirchlichen Aktivitäten des Gegenwärtigseins und des Zeunisses, das Engagement in der gesellschaftlichen Entwicklung und menschheitlichen Befreiung, den christlichen Gottesdienst, Gebet und Kontemplation, den interreligiösen Dialog, die Verkündigung und Katechese.

Diese letztgenannte Aktivität von Verkündigung und Katechese - die „Einladung zu einem Engagement des Glaubens an Jesus Christus und zum Eintritt durch die Taufe in die Gemeinschaft der Glaubenden, die die Kirche ist - wird manchmal als gleichbedeutend mit „Evangelisation“ angesehen. Dies ist jedoch eine Engführung und tatsächlich nur einer der vielen Aspekte der „evangelisierenden Mission“ der Kirche im Dienst an Gottes Reich. Es folgt daraus, dass Katholiken, die am interreligiösen Dialog teilnehmen, sich an einer wechselseitig bereichernden Mitteilung von Gaben beteiligen, die frei ist von jeglicher Absicht, den Dialogpartner zur Taufe einzuladen, dennoch ihren eigenen Glauben an das Reich Gottes, das in Christus verkörpert ist, bezeugen. Dies ist eine Form der Evangelisation, eine Weise des Engagements in der Mission der Kirche.

Evangelisation und das jüdische Volk
Das Christentum hat ein absolut einzigartiges Verhältnis zum Judentum, weil „unsere beiden religiösen Gemeinschaften gerade auf der Ebene ihrer je verschiedenen religiösen Identität verbunden und nah verwandt sind“.

Die Heilsgeschichte macht unser besonderes Verhältnis zum jüdischen Volk deutlich. Jesus gehört dem jüdischen Volk an und er gründete seine Kirche innerhalb der jüdischen Nation. Ein Grossteil der Heiligen Schrift, die Christen als das Wort Gottes lesen, bildet das geistliche väterliche Erbe, an dem wir mit Juden teilhaben. Folglich muss jedwede negative Haltung ihnen gegenüber vermieden werden, weil „Juden und Christen, um ein Segen für die Welt zu sein, zuerst einander zum Segen sein müssen“.

Im Kielwasser von Nostra Aetate hat sich eine vertiefte Anerkennung der vielen Aspekte unserer einzigartigen geistlichen Verbindung mit Juden durchgesetzt. In Sonderheit hat die katholische Kirche erkannt, dass ihre Mission, das Kommen des Reiches Gottes vorzubereiten, mit dem jüdischen Volk geteilt wird, obwohl Juden sich diese Aufgabe nicht christologisch vorstellen, wie es die Kirche tut. Entsprechend äusserten sich die vatikanischen „Anmerkungen“:

Aufmerksam dem gleichen Gott gegenüber, der gesprochen hat, im Hängen am gleichen Wort, müssen wir die eine gleiche Erinnerung und die eine gemeinsame Hoffnung bezeugen in Ihm, der Meister der Geschichte ist. Wir müssen ebenso unsere Verantwortung wahrnehmen, die Welt für das Kommen des Messias vorzubereiten, indem wir zusammen arbeiten für soziale Gerechtigkeit, für Respekt vor den Menschenrechten und dem Völkerrecht und für gesellschaftliche und internationale Versöhnung. Dazu sind wir, Juden und Christen, angetrieben durch das Gebot, unseren Nächsten zu lieben, durch die gemeinsame Hoffnung auf das Reich Gottes und durch das Vermächtnis der Propheten.

Wenn die Kirche nun mit den Juden eine zentrale und bestimmte Aufgabe teilt, was sind die Folgerungen für die christliche Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi? Sollten Christen Juden zur Taufe einladen? Hier handelt es sich um eine komplexe Frage nicht nur im Blick auf das christliche theologische Selbstverständnis, sondern auch im Blick auf die Geschichte von Christen, die Juden zur Taufe zwangen.

In einer bemerkenswerten und immer noch höchst sachdienlichen Studie, die der sechsten Versammlung des Internationalen katholisch-jüdischen Verbindungs-Komitees in Venedig vor 25 Jahren vorgelegt wurde, untersuchte Prof. Tommaso Federici die missiologischen Implikationen von Nostra Aetate. Er trat aus historischen und theologischen Gründen dafür ein, dass es in der Kirche keine Organisationen gleich welcher Art geben sollte, die sich der Bekehrung von Juden widmen. Dies ist in den darauf folgenden Jahre die de facto Praxis der katholischen Kirche gewesen.

In jüngster Zeit erklärte Kardinal Walter Kasper, Präsident der Päpstlichen Kommission für die Beziehungen zu den Juden, diese Praxis. In einer formalen Erklärung zuerst bei der siebzehnten Versammlung des Internationalen Verbindungs-Komitees im May 2001 abgegeben und später im gleichen Jahr in Jerusalem wiederholt, sprach Kardinal Kasper über „Mission“ im engen Sinn als „Verkündigung“ oder Einladung zur Taufe und Katechese. Er zeigte, warum solche Initiativen Juden gegenüber nicht angemessen sind:

Der Begriff „Mission“ meint streng genommen die Bekehrung von falschen Göttern und Götzen zum wahren und einen Gott, der sich in der Heilsgeschichte mit seinem erwählten Volk offenbarte. In diesem strikten Sinn kann Mission an Juden, die an den wahren und einen Gott glauben, nicht gebraucht werden. Darum, und das ist charakteristisch, existiert zwar ein Dialog, aber keine katholische missionarische Organisation für Juden.

Wie wir schon vorher sagten, ist Dialog nicht nur objektive Information; Dialog involviert die gesamte Person. So bezeugen Juden im Dialog ihren Glauben, bezeugen, was sie durchtrug in den dunklen Perioden ihrer Geschichte und ihres Lebens, und Christen geben Rechenschaft über die Hoffnung, die sie in Jesus Christus haben. Indem sie das tun, sind beide weit entfernt von jeder Art von Proselytismus, doch beide können von einander lernen und einander bereichern. Wir wollen beide unser tiefstes Interesse einer oft disorientierten Welt mitteilen, die ein solches Zeugnis braucht und danach sucht.

In den Augen der katholischen Kirche ist das Judentum eine Religion, die göttlicher Offenbarung entspringt. Wie Kardinal Kasper bemerkte: „Gottes Gnade, die nach unserem Glauben die Gnade Jesu Christi ist, steht allen zur Verfügung. Darum glaubt die Kirche, dass das Judentum, das heisst, die treue Antwort des jüdischen Volkes auf Gottes unwiderruflichen Bund, für sie das Heil bedeutet, denn Gott bleibt seinen Verheissungen treu.“

Diese Erklärung des Heilsbundes Gottes bezieht sich ganz spezifisch auf das Judentum. Obgleich die katholische Kirche alle religiösen Traditionen respektiert und im Dialog mit ihnen die Arbeit des Heiligen Geistes erkennen kann, und obwohl wir glauben, dass Gottes unendliche Gnade ganz sicher allen Gläubigen anderer Religionen zur Verfügung steht, kann die Kirche doch nur über Israels Bund mit der Gewissheit des biblischen Zeugnisses sprechen. Das liegt daran, dass Israels Schriften Teil unseres biblischen Kanons sind, und sie haben „bleibenden Wert ... der durch die spätere Auslegung des Neuen Testaments nicht aufgehoben wurde“.

Nach römisch-katholischer Lehre bleiben sowohl die Kirche als auch das jüdische Volk im Bund mit Gott. Wir haben darum beide vor Gott Aufträge in der Welt auszuführen. Die Kirche glaubt, dass die Mission des jüdischen Volkes nicht auf seine historische Rolle als jenes Volk beschränkt ist, in das Jesus „nach dem Fleish“ (Röm. 9,5) geboren wurde und aus dem die Apostel der Kirche kamen. Wie Kardinal Joseph Ratzinger kürzlich schrieb: „Gottes Vorsehung ... hat Israel offensichtlich eine besondere Mission in dieser ,Zeit der Heiden‘ gegeben“. Dennoch, allein das jüdische Volk selbst kann seine Mission „im Licht seiner eigenen religiösen Erfahrung“ artikulieren.

Trotzdem empfindet die Kirche, dass die Mission des jüdischen Volkes ad gentes (an die Nationen) fortbesteht. Es ist dies eine Mission, die die Kirche in ihrer eigenen Weise nach ihrem Verständnis des Bundes verfolgt. Der Sendungsbefehl des auferstandenen Jesus in Matthäus 28,19 zu „allen Nationen“ (griechisch = ethne, sinnverwandt mit dem hebräischen = goyim, das heisst, alle Nationen ausserhalb Israels) bedeutet, dass die Kirche die Frohe Botschaft von Christus bezeugen muss, um die Welt für die Fülle des Reiches Gottes vorzubereiten. Diese Aufgabe der Evangelisation schliesst jedoch nicht länger den Wunsch ein, den jüdischen Glauben ins Christentum zu absorbieren und dadurch das charakteristische Zeugnis der Juden über Gott in der Menschheitsgeschichte zu beenden.

Obwohl die katholische Kirche das Heilshandeln Christi im Prozess des Heils für alle Menschen als zentral ansieht, erkennt sie doch auch, dass sich Juden bereits in einem Heilsbund mit Gott befinden. Die Kirche muss immer evangelisieren und ihren Glauben an die Gegenwart des Reiches Gottes in Jesus Christus den Juden wie allen andern Menschen bezeugen. Indem sie das tut, respektiert sie jedoch in vollem Mass die Prinzipien religiöser Freiheit und Gewissensfreiheit, so dass aufrichtige Bekehrte aus jeder Tradition und aus jedem Volk, einschliesslich des jüdischen, willkommen geheissen und angenommen werden.

Nun allerdings erkennt die Kirche, dass Juden ebenfalls von Gott berufen sind, die Welt auf das Reich Gottes vorzubereiten. Ihr Zeugnis, das ja nicht in der kirchlichen Erfahrung Christi als gekreuzigt und auferstanden seinen Ursprung hat, darf nicht durch die Bemühung eingeschränkt werden, das jüdische Volk zum Christentum zu bekehren. Das charakteristische jüdische Zeugnis muss erhalten bleiben, wenn Katholiken und Juden in Wahrheit „einander ein Segen“ sein sollen, wie es sich Papst Johannes Paul II. vorstellte. Das steht im Einklang mit der im Neuen Testament ausgedrückten göttlichen Verheissung, dass Juden berufen sind „Gott ohne Furcht zu dienen, in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor Gott all ihre Tage“ (Lukas 1,74-75).

Zusammen mit dem jüdischen Volk erwartet die katholische Kirche in den Worten von Nostara Aetate „den Tag, den Gott allein kennt, an dem alle Völker einen Gott mit einer Stimme anrufen und ihm Schulter an Schulter dienen werden (Soph. 3,9; siehe Jes. 66,23; Röm. 11,11-32)“.


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JÜDISCHE REFLEXIONEN
Die Mission der Juden und die Vervollkommnung der Welt
In der nie endenden Suche, dem Leben Sinn zu geben, versuchen Gemeinschaften wie auch Individuen Ihre Sendung in der Welt zu definieren. So natürlich auch die Juden. Die Sendung der Juden ist Teil eines dreifachen Auftrages, der in der Schrift wurzelt und in späteren jüdischen Quellen entwickelt wurde. An erster Stelle steht der Bund: der immer neu gestaltende Antrieb zu jüdischem Leben, der sich aus dem Bund zwischen Gott und den Juden ergibt. Zweitens geht es um den Auftrag des Zeugnisses, in dem sich Juden als Gottes ewige Zeugen Seiner Existenz und Seiner erlösenden Macht in der Welt verstehen (und auch häufig von andern so gesehen werden). Drittens geht es um die Sendung an die ganze Menschheit, eine Sendung, welche die biblische Geschichte der Juden so versteht, daß sie eine Botschaft über das Judentum hinaus beinhaltet. Sie setzt voraus, daß es um eine Botschaft und eine Sendung geht, die sich an alle Menschen richtet.

Die Mission des Bundes
Die Juden sind der Same Abrahams, Isaaks und Jakobs, die physische Verkörperung des Bundes Gottes mit diesen Vorfahren. Nachdem Abraham von Gott berufen wird, macht er sich nicht nur auf die Reise ins Land Kanaan, sondern Gott erscheint dem Neunundneunzigjährigen und befiehlt ihm: „Wandle in Meinen Wegen und sei untadelig. Ich will Meinen Bund zwischen Mir und dir errichten, und Ich will dich außerordentlich zahlreich machen“. Der Bund wird beschrieben als „ewig, [...] dir und deinen Nachkommen nach dir - Gott zu sein“. Der Bund schließt das Land Kanaan ein als immerwährendes Erbe. Es gibt für den Bund ein leibhaftiges Symbol: die Beschneidung aller männlichen Juden am achten Tag ihres Lebens.

Der Bund ist sowohl leiblich als auch geistig. Die Juden sind ein reales Volk. Der Bund ist ein Bund des Fleisches. Das Land ist ein realer Ort. Aber es ist auch ein Bund des Geistes, denn er ist verbunden mit dem Auftrag „in Seinen Wegen zu wandeln“.

Die Juden sind ein Volk, das durch Gottes liebende Erwählung ins Dasein gerufen wurde. Warum tut Gott so etwas? Die Tora erzählt uns die Geschichte eines einzigartigen Gottes, der, anders als der Gott des Aristoteles, sich nicht mit der Selbstkontemplation zufrieden gibt. Es handelt sich um ein großes Geheimnis; aber Gott, der sich wesentlich unserer Kenntnis entzieht, wollte eine Welt ins Dasein rufen. Er gab seinen Geschöpfen als einziges Gebot, nicht von einer bestimmten Frucht im Garten Eden zu essen. Und was taten sie? Sie aßen die Frucht.

So wurde Gottes Absicht vereitelt, an Seinem unaussprechlichen Selbst teilhaben zu lassen. Es dauerte nicht lange, und die Schöpfung wurde verdorben. Und Gott begann aufs neue, indem Er die bestehende Schöpfung zerstörte, die Urgewässer wieder zusammenströmen ließ und nur Noah und seine Familie übrigblieben. Aber auch das gelang nicht, denn sobald sie aus der Arche gehen, betrinkt und entblößt sich Noah. Wieder geht es abwärts – bis jene Geschichte beginnt, die gelingt und die das Herz der biblischen Erzählung ist: die Geschichte Abrahams und seiner Nachkommen, der Juden.

Der Bund ist nicht nur eine Verheißung oder eine allgemeine Ermahnung zur Vollkommenheit. Nachdem das Volk Israel zur großen Gemeinschaft geworden war und die Knechtschaft Pharaos erlitten hatte, wird es aus Ägypten unter außergewöhnlichen Wundern befreit. Sie kommen zum Sinai und der Bund gewinnt Inhalt: die Gesetze und Satzungen, die dort und später im „Zelt der Begegnung“ gegeben werden.

„Ihr habt gesehen, was Ich den Ägyptern getan habe, wie Ich euch auf Adlers Flügeln getragen und zu Mir gebracht habe. Wenn ihr Mir nun treu gehorchen werdet und Meinen Bund halten, werdet ihr Mein kostbares Eigentum sein unter allen Völkern. Wahrlich, die ganze Erde gehört Mir, ihr aber sollt Mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“.

Für Juden ist dies nicht göttliche Schmeichelei, sondern die Bürde göttlicher Verpflichtung. Die theologische Definition der Juden lautet somit: ein leibhaftiges Volk, das berufen ist, in einem besonderen Verhältnis mit Gott zu leben. Der spezielle Inhalt dieser Beziehung ist: Belohnungen für ihre Pflege, Strafen für ihre Preisgabe.

Eine solche Sicht der Juden ist nicht auf die normale soziologische Definition eines Volkes oder einer Gemeinschaft zugeschnitten. Es ist durchaus möglich, daß den meisten Juden diese theologische Soziologie unangenehm ist. Man ist eher geneigt, die Juden entweder als ethnische Gruppe oder als eine Glaubensgemeinschaft ohne Verbindung zu einem Volk zu sehen. Aber das entspricht weder den Vorstellungen der Juden in der Bibel und noch späterer jüdischer Literatur. Die Juden sind, wohl oder übel, reich oder arm, Partner Gottes in einem manchmal stürmischen und manchmal idyllischen Liebesverhältnis, in einer liebevollen Ehe, die Gott und das Volk Israel auf ewig verbindet, und einer jüdischen Existenz, die tiefstmögliche Bedeutung gibt.

Als praktische Folge ergibt sich daraus, daß die vorrangige Sendung der Juden sich an Juden richtet. Das bedeutet, die jüdische Gemeinschaft ist bemüht, ihre eigene Identität zu bewahren. Da dies nicht immer selbstverständlich ist, reden Juden miteinander ständig über die Stärke ihrer Institutionen und die Fähigkeit der Gemeinschaft, ihre Kinder zu unterrichten. Daraus entsteht eine starke Ablehnung der Mischehe. Es erklärt die Leidenschaft zum Studium der Tora. Das Risiko jüdischen Lebens ist hoch, und um Gott nicht zu verlassen, wendet die jüdische Gemeinschaft viel Energie auf für eine funktionierende Bundesgemeinschaft.

Die Mission des Zeugnisgebens
Jesaja spricht von der Rolle der Juden, die über sie selbst hinausgeht. „Meine Zeugen seid ihr, spricht der Herr - mein Knecht, den Ich erwählt habe“.

Die Juden sind Gottes Zeugen, daß es einen Gott gibt, der ihr Schöpfer ist, daß Er Einer ist und daß Götzen keine Macht haben, „[...] vor mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen Treue schwören“, und daß Gottes Macht eine erlösende Macht ist, erstaunlicher als Menschen es sich vorstellen können.

Worin zeigt sich die Macht Gottes? Im Leben von Nationen, einschließlich des Falls und Wiedererstehens der Nation Israel. Und es ist wohlbekannt aus der Tora und aus den prophetischen Bücher, dass das Leiden Israels als Zeugnis für den Bund Gottes mit Israel verstanden wird.

Was nicht verstanden wird, zumindest nicht gut genug: Gott will, daß die Nationen die Erlösung Israels sehen und davon beeindruckt sein sollen. Das ist es z.B., was Gott dem Pharao und den Ägyptern zeigen will. Es ist offensichtlich nicht genug, das Volk Israel nur aus der Knechtschaft zu befreien. Die Erlösung ist für die Öffentlichkeit bestimmt, erfüllt mit Zeichen und Wundern, denn die große ägyptische Nation soll die Macht, die Herrlichkeit und das Interesse des Gottes Israels an der Befreiung von Sklaven kennenlernen.

In diesem Sinn spricht der Prophet Jesaja von den Juden auch als „Licht der Nationen“. „Ich erwecke die Stämme Jakobs und stelle die Überlebenden Israels wieder her: Ich will euch auch zum Licht der Nationen machen, damit Mein Heil die Enden der Erde erreicht“. Die Nationen werden die Erlösung des Volkes Israel sehen und sie werden staunen. Darum werden sie lernen, wenn sie es nicht schon vorher gelernt haben, daß der Herr, der Gott Israels, Seinem Volk Sein Land wiedergibt.

Der Freudenbote sagt zu Zion: „Jedes Tal soll erhöht werden, jeder Hügel und Berg erniedrigt. Der unebene Boden werde eben und die Bergkämme flach“. Dies ist keine Rhetorik über eine mystische Manifestation Gottes, die die Natur verwandelt. Es ist eine mutige Bildersprache über die Schaffung einer außergewöhnlichen Straße, auf der das im Exil lebende Volk in sein Land zurückkehrt.

Obwohl wir oft und lange über unsere Sünden nachdenken, ist doch Gottes Anliegen nicht das Leiden. Gottes Anliegen ist die Macht der Vergebung und die Macht Seiner Liebe, wie sie sich in der Erlösung Israels manifestiert. Es ist darum eine der großen Aufgaben der Theologie, sich von der Leidensbotschaft zu lösen. Die große Botschaft Gottes liegt in der Macht der Erlösung. Die große Hoffnung der Juden ist ihre Erlösung und der Wiederaufbau ihres nationalen Staates. Das Zeugnis, das zu geben ist, ist die Bezeugung Gottes, der Sein Volk erlöst.

Die Mission an die Menschheit
Das Anliegen der Bibel ist eine Botschaft und eine Vision nicht nur an Israel, sondern an die gesamte Menschheit. Jesaja spricht zweimal von den Juden als Licht der Völker. Was bedeutet es, wenn er darüber hinaus von den Juden als einem „Bundesvolk und Licht der Nationen“ spricht? David Kimhi, ein Kommentator des Mittelalters, sah im „aufstrahlenden Licht“ das Licht der Tora, das von Zion ausstrahlt. Da das Anliegen der Tora Frieden ist, vermittelt das aufstrahlende Licht eine Botschaft der Segnung des Friedens, der in der ganzen Welt herrschen sollte. Die messianische Vision ist: „Und er wird den Nationen Frieden zusprechen“. Darum sagt Jesaja, in jener Zeit „wird Er richten zwischen den Nationen und vielen Völkern Schiedsrichter sein. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern“.

Es ist ein Fehler, wie Jona zu denken, dass Gott sich nur für die Juden interessiere. Als Jona in die große heidnische Stadt Ninive gesandt wird, weigert er sich, Gottes Befehl auszuführen und den Menschen in Ninive zu verkünden, dass sie Buße tun sollen. Erst durch Leiden lernt Jona, daß sich Gottes Wort auch an die Niniviten richtet. Schließlich geht er hin und die Einwohner Ninives rufen ein Fasten aus. Die Großen wie die Kleinen, sogar der König selbst, kleiden sich in Sackleinen. Sie fasteten nicht nur, die Bibel sagt, sie „wandten sich ab von ihren bösen Wegen“.

Man hätte erwartet, Jona würde von seinem Erfolg begeistert sein. Statt dessen ist er niedergeschlagen. Dafür gibt es möglicherweise zwei Gründe. Erstens glaubte er, Sünde müsse bestraft werden und Gottes Barmherzigkeit sollte diese Bestrafung nicht verhindern. Und zweitens: Wer waren die Einwohner Ninives? Welches Recht hatten sie auf Gottes innige Fürsorge und vergebende Liebe?

Jona verläßt die Stadt und setzt sich an ihrer Ostseite nieder, baut eine Hütte und sitzt in ihrem Schatten. Und der Herr läßt eine Rizinusstaude über ihn wachsen, die ihm Schatten bietet. Jona freut sich sehr! Bis Gott am nächsten Tag in der Morgenröte einen Wurm veranlaßt, die Pflanze anzunagen bis sie verdorrt. Und dann läßt Gott einen leichten Ostwind aufkommen, und die Sonne sticht Jona auf den Kopf bis er ermattet. Und er will sterben.

Dann spricht Gott zu Jona: „Warum bist du so zornig wegen der Pflanze? [...] Du hast Mitleid mit der Pflanze, für die du nicht gearbeitet und die du nicht herangezogen hast; die über Nacht heranwuchs und über Nacht verging. Und Ich sollte nicht Mitleid haben mit Ninive, der großen Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht zwischen rechts und links unterscheiden können, und daneben so viel Vieh?“.

Der Gott der Bibel ist der Gott der ganzen Welt. Seine Wunschbilder sind Visionen für die gesamte Menschheit. Seine Liebe ist eine Liebe, die sich auf alle Geschöpfe erstreckt.

Hiob, der leidende Mann der Schrift, wird in keiner Weise als Jude dargestellt. Ist das ein Wunder? Das Leiden der Menschheit ist nicht auf ein bestimmtes Volk begrenzt. Der Bund mag das Problem für Juden besonders beschwerlich machen, aber wir alle versuchen, mit dem Problem der Leiden des Gerechten fertig zu werden. Hiob ist der Mensch schlechthin. Gottes Ruf an ihn aus dem Sturmwind ist Gottes Ruf durch die ganze Welt an alle Gerechten, die die Bedeutung ihres Schicksals zu verstehen suchen.

Der Gott, der Abraham liebte, „Aber du, Israel Mein Knecht, Jakob, den Ich erwählt habe, Same Abrahams den Ich liebe“, liebt alle Menschen. Denn Er ist der Schöpfer der Welt. Adam und Eva waren Seine ersten Geschöpfe, und sie wurden lange vor den ersten Juden geschaffen. Sie sind „nach Gottes Ebenbild“ geschaffen, wie alle ihre Kinder bis in Ewigkeit. Nur das menschliche Geschöpf trägt die göttliche Ebenbildlichkeit.

Der Talmud sagt, Gott schuf die Welt mit nur einem ursprünglichen Wesen um zu lehren, wenn einer eine einzige Seele vernichtet, ist es, als hätte er die ganze Welt vernichtet. Und wenn einer eine einzige Seele rettet, ist es, als hätte er die ganze Welt gerettet. Und der Talmud lehrt das Konzept des Friedens in der Welt, so dass niemand sagen sollte, mein Vater ist größer als dein Vater.

„Seid ihr Mir nicht wie die Äthiopier, o Volk Israel? spricht der Herr. Habe Ich Israel nicht aus Ägypten geführt? Und die Philister aus Kaphtor, und die Aramäer aus Kir?“. Alle sind Gottes Volk.

Als Abraham Gott gegenüber die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit aufwirft, argumentiert er zugunsten der sündigen Bevölkerung Sodoms. Abraham formuliert seine Herausforderung Gottes im Sinn des gerechten Handelns Gottes. Die Unschuldigen sollten nicht leiden. Und die Herausforderung geschieht nicht aufgrund einer besonderen Beziehung, die sich aus dem Bund Gottes mit den Juden ergibt. Vielmehr setzt die Bibel eine göttliche Gerechtigkeit und Barmherzigkeit voraus, die die ganze Welt umfaßt. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit herrschen, denn der Schöpfergott ist der Gott der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit in der ganzen Welt.

Wenn Amos bittet, daß „das Recht sich wie Wasser ergieße und Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom“, dann tut er es, weil es einen Gott der ganzen Welt gibt, der sie zur Gerechtigkeit ruft. Auf seine eigene rhetorische Frage nach der Bedeutung religiösen Fastens antwortet Jesaja, es sei Gottes Wille, „die Ketten der Bosheit zu lösen, die Bande des Jochs aufzubinden, die Unterdrückten frei zu lassen und jede Unterjochung zu brechen; dein Brot mit dem Hungrigen zu teilen und die ausgestoßenen Armen in dein Haus aufzunehmen? Den Nackten, den du siehst, zu bekleiden und dich nicht vor deinem eigenen Fleisch zu verbergen“.

Das Judentum setzt voraus, daß alle Menschen verpflichtet sind, ein universales Gesetz zu befolgen. Dieses Gesetz, als die „Sieben Noachidischen Gebote“ bezeichnet, ist auf alle Menschen anwendbar. Es behandelt (1) die Einrichtung von Gerichtsbarkeit, damit in der Gesellschaft das Recht regiert, und die Verbote von (2) Blasphemie, (3) Götzendienst, (4) Inzest, (5) Blutvergießen, (6) Raub und (7) den Verzehr des Fleisches eines noch lebenden Tieres.

Ungeachtet der Tatsache des Bundes machten Maimonides und auch spätere Ausleger deutlich, daß „die Frommen aller Nationen dieser Welt einen Platz haben in der kommenden Welt“.

Deshalb sind im Judentum der absolute Wert des Menschen, seine Geschöpflichkeit nach göttlichem Ebenbild, wie auch Gottes vorrangiges Interesse an Gerechtigkeit und Barmherzigkeit die Basis einer universalen, vereinten Gemeinschaft der (von Gott) Geschaffenen. Diese Gemeinschaft ist berufen, auf die Liebe Gottes zu antworten, indem sie andere Menschen liebt und gesellschaftliche Strukturen errichtet, die die Ausübung von Recht und Barmherzigkeit umfassend ermöglichen, und sie ist berufen, sich unaufhörlich in religiösem Streben zu engagieren, der gebrochenen Welt Heilung zu vermitteln.

In einem wichtigen jüdischen Gebet heißt es: „Wir hoffen auf Dich, Herr unser Gott, schnell die Schönheit Deiner Macht zu sehen, die Götzen von der Erde verschwinden zu lassen und die falschen Götter zu stürzen, die Welt zu vervollkommnen hinein in das Reich des Allmächtigen, wo alles Fleisch Deinen Namen anrufen wird, wo alle Bösen der Erde sich zu Dir hinwenden werden.“

L'taken olam b'malkhut Shaddai, die Welt zu vervollkommnen hinein in das Reich des Allmächtigen. Tiqqun ha-olam, Vervollkommnung oder Wiederherstellung der Welt ist die gemeinsame Aufgabe der Juden und der gesamten Menschheit. Da sich Juden als in einer noch unerlösten Welt lebend betrachten, will Gott, daß sich Seine Geschöpfe an der Wiederherstellung der Welt beteiligen.

Christen und Juden
Aus der Untersuchung der dreifachen Bedeutung von „Mission“ im klassischen Judentum ergeben sich bestimmte praktische Folgerungen, die auch ein gemeinsames Arbeitsprogramm für Christen und Juden anregen.

Es sollte daher klar sein, daß jedwede Missionierung von Christen unter Juden in direktem Widerspruch zur jüdischen Ansicht steht, daß der Bund selbst Mission ist. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, daß, ungeachtet des Bundes, für die Nationen der Welt keine Notwendigkeit besteht, sich zum Judentum zu bekehren. Während es theologische Grundwahrheiten gibt, wie der Glaube an die Einheit Gottes und an praktische gesellschaftliche Werte, die zur Schaffung einer heilen Gesellschaft führen, die zu erfassen der Menschheit möglich und nötig sind, bedürfen die Menschen nicht des Judentums, um den Einzelnen oder die Gesellschaft zu erlösen. Die Frommen aller Nationen haben einen Platz in der kommenden Welt.

Ebenso wichtig ist jedoch der Gedanke, daß die Welt der Vervollkommnung bedarf. Obwohl Christen und Juden die messianische Hoffnung, die zu dieser Vervollkommnung erforderlich ist, sehr verschieden verstehen, ob wir - wie die Juden - auf den Messias warten, oder ob wir - wie die Christen - auf das zweite Kommen des Messias warten, wir teilen den Glauben, in einer unerlösten Welt zu leben, die sich nach Wiederherstellung sehnt.

Sollten wir dann nicht ein gemeinsames Arbeitsprogramm erstellen? Sollten wir nicht unsere geistigen Kräfte vereinigen, um die gemeinsamen Werte, die zur Wiederherstellung der unerlösten Welt führen können, darzulegen und ihnen gemäß zu handeln? Wir haben in der Vergangenheit gemeinsam für soziale Gerechtigkeit gearbeitet; wir haben gemeinsam für Menschenrechte demonstriert; wir haben uns für das Arbeitsrecht und die Landarbeiter eingesetzt; wir haben unsere Regierung aufgefordert, sich der Anliegen der Armen und Obdachlosen anzunehmen; wir haben die Führungspersönlichkeiten unseres Landes aufgerufen, sich für nukleare Abrüstung einzusetzen. Dies sind nur einige der Probleme, die wir Juden und Christen in Übereinstimmung miteinander aufgegriffen haben.

Um anzudeuten, was wir weiterhin gemeinsam tun können, wollen wir einige konkrete Beispiele aufzeigen, wie das klassische Judentum theologische Ideen ins praktische Leben umsetzt. Und wenn diese Ideen wie Pflastersteine einen Weg ebnen, auf dem wir gemeinsam gehen können, dann werden wir auch gemeinsam eine Straße bauen können, eine gemeinsame Marschroute finden zur Wiederherstellung der Menschheit und der Vervollkommnung der Welt.

Gedanken aus dem Talmud über die Wiederherstellung der Welt
Obgleich der prophetische Einsatz für die Notleidenden bekannt ist, sollte betont werden, daß es der Talmud ist, der die Einzelheiten von guten Taten so darlegt, daß sie zu Ecksteinen des Lebens werden. Tzedakah (Wohltätigkeit) und gute Taten wiegen gleichwertig alle Gebote der Tora auf. Die Verpflichtung zur Wohltätigkeit ist auf die Armen ausgerichtet, die guten Taten auf Arme und Reiche. Wohltätigkeit dient den Lebenden, gute Taten den Lebenden und den Toten. Wohltätigkeit nimmt vom eigenen Geld, gute Taten setzen das eigene Geld und das eigene Selbst ein.

Schon in talmudischer Zeit waren Wohltätigkeitseinrichtungen zur Armenfürsorge ein wesentlicher Bestandteil des Lebens der Gemeinschaft. Wenn z. B. die Mischna lehrt, daß ein Jude den Pesach Seder mit vier Bechern Wein feiern muß, merkt sie an, daß die öffentliche Fürsorge (tamhui) den Armen den Wein zur Verfügung zu stellen habe. Die Armen müssen feiern im Gefühl der Würde, freie Menschen zu sein - und das liegt in der Verantwortung der Gemeinschaft. Dennoch, obwohl Wohltätigkeitsinstitutionen ein zentraler Teil des Lebens der Gemeinschaft sind, betont Maimonides, die höchste Form von Wohltätigkeit bestehe darin, dem anderen zu ermöglichen, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.

Der umfangreiche Abschnitt des Talmud, der sich mit dem Zivil- und Kriminalrecht (Nezikin oder Schaden) beschäftigt, bestimmt und schützt das Recht der Arbeiter auf Entlohnung. Das Gesetz gibt den Verboten der Tora gegen Zinsen eine konkrete Form und erweitert die Gesetze, die Zinsen verbieten, auf viele Arten finanzieller zinsähnlicher Transaktionen, obwohl sie keine eigentlichen Zinsen sind. All dies geschieht, um eine Ökonomie zu schaffen, in der Menschen ermutigt werden, einander finanziell zu helfen als Ausdruck ihrer Gemeinschaft, statt auf diese Weise nur Geld zu machen. Wertpapiere werden geschaffen, um mittellosen Menschen Partnerschaft mit andern zu ermöglichen, statt Kreditnehmer zu bleiben. Auf diese Weise wird menschliche Würde geschützt und die Entwicklung einer Gesellschaft begünstigt, in der sich diese Würde im alltäglichen Leben manifestiert.

Gute Taten, die vom Gesetz gefordert und im Detail entwickelt werden, schließen die Verpflichtungen zum Krankenbesuch und zur Tröstung der Trauernden ein. Juden sind verpflichtet, Gefangene freizukaufen und für Bräute zu sorgen, die Toten zu begraben und andere an ihren Tischen willkommen zu heißen. Der Talmud detailliert die Verpflichtung der Juden, den Alten Hochachtung zu zollen. Sich vor den Alten respektvoll zu erheben und andere besondere Zeichen der Ehrfurcht zu zeigen, sind Reaktionen auf die äußerlichen Probleme des Alterns. Wenn das eigene Gefühl der Würde nachläßt, soll die Gemeinschaft die Würde des Einzelnen bekräftigen.

Das jüdische Gesetz ist natürlich an Juden gerichtet und seine Hauptsorge ist, die Äußerung der Liebe den Gliedern der Gemeinschaft gegenüber zu stärken. Es befaßt sich nicht mit Gefühlsregungen, sondern prinzipiell mit Taten. Es ist aber wichtig festzustellen, daß viele dieser Taten gegenüber allen Menschen vorgeschrieben sind. So sagt der Talmud: „Man muß für den heidnischen Armen ebenso sorgen wie für den jüdischen Armen. Man muß den heidnischen Kranken ebenso besuchen wie den jüdischen Kranken. Man muß für die Bestattung eines Heiden so sorgen, wie man für die Bestattung eines Juden sorgt, denn dies sind die Wege des Friedens.“

Die Friedenswege der Tora bekunden eine praktische Antwort auf die heilige Schöpfung der Menschheit nach dem Ebenbild Gottes. Sie verhelfen dazu, die Welt auf das Reich des Allmächtigen hin zu vervollkommnen.

Braucht die Welt nicht einen gemeinsamen Weg, der auf Frieden zielt? Braucht die Menschheit nicht eine gemeinsame Vision des heiligen Charakters unserer menschlichen Existenz, die wir unsere Kinder lehren können und die wir in unseren Gemeinschaften pflegen, um die Wege des Friedens zu fördern? Braucht die Menschheit nicht das Engagement ihrer religiösen Führung, innerhalb jeder Religion und über jede Religion hinaus, die sich die Hände reicht und Verpflichtungen eingeht, die die Menschheit inspirieren und sie anleitet, sich nach der heiligen Verheißung auszustrecken? Für Juden und Christen, die den Ruf Gottes gehört haben, der Welt ein Segen und ein Licht zu sein, sind Herausforderung und Sendung eindeutig.

Nichts Geringeres sollte unsere Herausforderung sein – und das ist die wahre Bedeutung der Mission, an der wir alle teilnehmen sollten.

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Inserito 01/01/1970