Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoa

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Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden

Città del Vaticano       16/03/1998

Begleitschreiben des Papstes
An meinen ehrwürdigen Bruder Kardinal Edward Idris Cassidy

Bei zahlreichen Gelegenheiten während meines Pontifikates habe ich im Gefühl tiefen Kummers an die Leiden des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs erinnert. Das Verbrechen, das als Shoah bekannt wurde, bleibt ein unauslöschlicher Schandfleck in der Geschichte dieses Jahrhunderts, das sich seinem Ende nähert.

Es ist meine glühende Hoffnung, daß das Dokument „Wir gedenken: Eine Reflexion über die Shoah“, das die Kommission für die Religiösen Beziehungen zu den Juden unter Ihrer Leitung erstellt hat, die Wunden vergangener Mißverständnisse und Ungerechtigkeiten heilen hilft. Möge es der Erinnerung ihre notwendige Rolle zukommen lassen, die sie im Prozeß der Gestaltung einer Zukunft spielt, in der die unaussprechliche Bosheit der Shoah nie wieder möglich wird. Möge der Herr der Geschichte das Bestreben von Katholiken und Juden und aller Männer und Frauen guten Willens leiten, zusammenzuarbeiten für eine Welt des wahren Respekts vor dem Leben und der Würde aller Menschen, denn sie alle wurden geschaffen als Bild und Abbild Gottes.

Aus dem Vatikan, am 12. März 1998

Johannes Paul II.


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Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden
Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoa
I. Die Tragödie der Shoah und die Pflicht des Gedenkens.
Das 20. Jahrhundert nähert sich rasch seinem Ende, und die ersten Strahlen des neuen christlichen Jahrtausends sind bereits zu sehen. Die 2000-Jahr-Feier der Geburt Jesu Christi bewegt alle Christen und lädt in der Tat alle Männer und Frauen dazu ein, im Flusse der Geschichte die Zeichen des Wirkens der göttlichen Vorsehung zu entdecken, aber auch die Art und Weise, in denen das im Menschen gegenwärtige Abbild des Schöpfers beleidigt und entstellt wurde.

Diese Überlegung betrifft einen der wesentlichen Bereiche, in denen sich die Katholiken den Aufruf von Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben "Tertio millennio adveniente" ernsthaft zu Herzen nehmen können: "Zurecht nimmt sich daher die Kirche, während sich das zweite christliche Jahrtausend seinem Ende zuneigt, mit stärkerer Bewußtheit der Schuld ihrer Söhne und Töchter an, eingedenk aller jener Vorkommnisse im Laufe der Geschichte, wo diese sich vom Geist Christi und seines Evangeliums dadurch entfernt haben, daß sie der Welt statt eines an den Werten des Glaubens inspirierten Lebenszeugnisses den Anblick von Denk- und Handlungsweisen boten, die geradezu Formen eines Gegenzeugnisses und Skandals darstellten."1

Das gegenwärtige Jahrhundert wurde zum Zeugen einer unaussprechlichen Tragödie, die niemals vergessen werden kann: Der Versuch des nazistischen Regimes, das jüdische Volk auszurotten, mit der daraus folgenden Ermordung von Millionen von Juden. Frauen und Männer, Alte und Junge, Kinder und Heranwachsende wurden verfolgt und deportiert, nur weil sie jüdischer Abstammung waren. Einige von ihnen wurden sofort ermordet, andere wurden gedemütigt, mißhandelt, gefoltert und völlig ihrer Menschenwürde beraubt und schließlich umgebracht. Nur sehr wenige von denen, die in Konzentrationslagern interniert wurden, überlebten. Und die Überlebenden blieben für ihr ganzes Leben vom Terror gezeichnet. Dies war die Shoah: Eines der größten Dramen der Geschichte dieses Jahrhunderts, ein Faktum, das uns auch heute noch betrifft.

Gegenüber diesem fürchterlichen Völkermord, an den die Verantwortlichen der Nationen und auch der jüdischen Gemeinden, in dem Augenblick, da er mit letzter Unbarmherzigkeit durchgeführt wurde, nur schwer glauben konnten, kann niemand gleichgültig bleiben; am wenigsten von allen die Kirche, auf Grund ihrer überaus engen spirituellen Verwandtschaft mit dem jüdischen Volk und ihres Gedenkens an die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit. Die Beziehung der Kirche mit dem jüdischen Volk unterscheidet sich von jener, die sie mit jeder anderen Religion hat2. Es geht hierbei nicht nur um eine Besinnung auf die Vergangenheit. Die gemeinsame Zukunft von Juden und Christen verlangt, daß wir gedenken, denn "es gibt keine Zukunft ohne Erinnerung"3. Die Geschichte selbst ist "memoria futuri".

Indem wir uns mit diesem Gedanken an unsere in aller Welt lebenden Brüder und Schwestern der katholischen Kirche wenden, bitten wir alle Christen, sich mit uns zu vereinen in der Reflexion über die Katastrophe, die das jüdische Volk traf und über den moralischen Imperativ, dafür einzutreten, daß der Egoismus und der Haß niemals mehr so weit anwachsen, daß sie Leiden und Tod säen4. In besonderer Weise bitten wir unsere jüdischen Freunde, "deren schreckliches Schicksal zum Symbol der Verirrung geworden ist, in die der Mensch gerät, wenn er sich gegen Gott wendet"5, ihr Herz zu öffnen, um uns anzuhören.

II. Wessen wir gedenken müssen.
Das jüdische Volk hat in seinem einzigartigen Zeugnis für den Heiligen Israels und für die Tora zu verschiedenen Zeiten und an vielen Orten schwer gelitten. Doch die Shoah war sicherlich das schlimmste von allen Leiden. Die Unmenschlichkeit, mit der die Juden in diesem Jahrhundert verfolgt und hingeschlachtet wurden, läßt sich nicht in Worte fassen. Und all dies wurde ihnen nur aus dem einzigen Grund angetan, daß sie Juden waren. Die Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens wirft viele Fragen auf. Historiker, Soziologen, Philosophen, Politiker, Psychologen und Theologen versuchen über die Wirklichkeit und die Gründe der Shoah tiefere Einsicht zu gewinnen. Viele Studien von Spezialisten stehen noch aus. Doch ein derartiges Ereignis kann nicht allein durch die üblichen Kategorien der Geschichtsforschung vollkommen erfaßt werden. Es ruft zu einer "moralischen und religiösen Erinnerung" auf, und - insbesondere unter Christen - zu einer sehr ernsthaften Reflexion über die Gründe, die es hervorriefen. Die Tatsache, daß die Shoah in Europa stattfand, das heißt in Ländern mit einer langen christlichen Zivilisation, wirft die Frage nach der Beziehung zwischen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und der Haltung der Christen gegenüber den Juden während der Jahrhunderte auf.

III. Die Beziehung zwischen Juden und Christen.
Die Geschichte der Beziehung zwischen Juden und Christen ist leidvoll. Seine Heiligkeit, Papst Johannes Paul II., hat diese Tatsache erkannt und die Katholiken wiederholt dazu aufgerufen, ihr Verhalten gegenüber den Beziehungen mit dem jüdischen Volk zu überdenken6. In der Tat ist die Bilanz dieser Beziehungen während der 2000 Jahre eher negativ gewesen.7

In den Anfängen des Christentums, nach der Kreuzigung Jesu, kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Urkirche und den Führern der Juden und des jüdischen Volkes, die sich aus Gehorsam gegenüber dem Gesetz manchmal auch gewaltsam den Verkündigern des Evangeliums und den ersten Christen entgegenstellten. Im Römischen Reich, das heidnisch war, waren die Juden durch die ihnen vom Kaiser garantierten Privilegien rechtlich geschützt. Und die Autoritäten unterschieden zunächst nicht zwischen der Gemeinschaft der Juden und den Christen. Doch schon bald erlitten die Christen die Verfolgung durch den Staat. Als sich die Kaiser dann selbst zum Christentum bekehrten, garantierten sie den Juden weiterhin die Privilegien. Aber erregte Gruppen von Christen, die die heidnischen Tempel überfielen, taten in einigen Fällen dasselbe gegenüber den Synagogen, nicht zuletzt unter dem Einfluß bestimmter irriger Auslegungen des Neuen Testaments in Bezug auf das jüdische Volk als ganzem.

"In der christlichen Welt - ich sage nicht von seiten der Kirche als solcher - zirkulierten für zu lange Zeit irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testaments in Bezug auf das jüdische Volk und seine angebliche Schuld und riefen feindselige Empfindungen gegenüber diesem Volk hervor."8 Derartige Interpretationen des Neuen Testaments wurden vom Zweiten Vatikanischen Konzil9 umfassend und endgültig zurückgewiesen.

Trotz der christlichen Botschaft der Liebe zu allen, sogar zu den Feinden, hat die vorherrschende Mentalität während der Jahrhunderte die Minderheiten und jene, die in bestimmter Weise "anders" waren, benachteiligt. Antijüdische Empfindungen in einigen christlichen Kreisen und der Abgrund zwischen Kirche und jüdischem Volk führten zu einer allgemeinen Diskriminierung, die manchmal in Ausweisungen oder Zwangsbekehrungen mündete. In einem weiten Teil der "christlichen" Welt genossen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts jene, die nicht Christen waren, nicht immer einen umfassend garantierten rechtlichen Status. Dennoch blieben die in der ganzen christlichen Welt verstreuten Juden ihrer religiösen Tradition und ihren gemeinschaftlichen Gepflogenheiten treu. Deshalb wurden sie mit einem gewissen Argwohn und Mißtrauen angesehen. In Krisenzeiten wie Hungersnöten, Kriegen, Seuchen oder sozialen Spannungen wurde die jüdische Minderheit oft als Sündenbock genommen und so zum Opfer von Gewalt, Plünderungen bis hin zu Massakern.

Zwischen dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die Juden in der Mehrheit der Staaten allgemein eine Position der Gleichheit gegenüber den anderen Bürgern erreicht, und einer gewissen Zahl von ihnen gelang es, einflußreiche Positionen in der Gesellschaft einzunehmen. Doch in demselben geschichtlichen Kontext, insbesondere im 19. Jahrhundert, faßte ein übertriebener und falscher Nationalismus Fuß. In einem Klima schneller gesellschaftlicher Veränderungen warf man den Juden häufig vor, einen unverhältnismäßig großen Einfluß im Vergleich zu ihrer Anzahl auszuüben. Damit begann sich im größten Teil Europas in verschiedenem Grad ein Antijudaismus auszubreiten, der wesentlich mehr soziologisch und politisch als religiös war.

Zur selben Zeit erschienen die Theorien, die die Einheit der menschlichen Rasse negierten, und einen ursprünglichen Unterschied der Rassen behaupteten. Im 20. Jahrhundert nahm der Nationalsozialismus in Deutschland derartige Ideen als pseudowissenschaftliche Grundlage für eine Unterscheidung zwischen den sogenannten nordisch-arischen und angeblich niederen Rassen. Außerdem wurde in Deutschland eine extremistische Form des Nationalismus durch die Niederlage von 1918 und die demütigenden Auflagen durch die Sieger hervorgerufen, mit der Folge, daß viele im Nationalsozialismus eine Lösung der Probleme ihres Landes sahen, und deshalb politisch mit dieser Bewegung zusammen arbeiteten.

Die Kirche in Deutschland antwortete darauf mit der Verurteilung des Rassismus. Eine derartige Verurteilung erschien zunächst in der Predigt einiger Vertreter des Klerus, im öffentlichen Lehramt der katholischen Bischöfe und in den Schriften katholischer Journalisten. Bereits im Februar und März 1931 veröffentlichten Kardinal Bertram von Breslau, Kardinal Faulhaber und die bayerischen Bischöfe, die Bischöfe der Kirchenprovinz von Köln und jene der Kirchenprovinz von Freiburg Hirtenbriefe, die den Nationalsozialismus mit seiner Vergötzung der Rasse und des Staates verurteilten10. Im Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, 1933, wiesen die wohlbekannten Adventspredigten Kardinal Faulhabers, denen nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten und Juden beiwohnten, die nazistisch-antisemitische Propaganda klar zurück11. Im Gefolge der ,"Kristallnacht" gedachte Bernhard Lichtenberg, der Dompropst von Berlin, öffentlich im Gebet der Juden. Er starb später in Dachau und wurde seliggesprochen.

Auch Papst Pius XI. verurteilte den Rassismus der Nationalsozialisten in feierlicher Form in der Enzyklika "Mit brennender Sorge"12, die am Passionssonntag 1937 in den Kirchen Deutschlands verlesen wurde und zu Angriffen und Sanktionen gegen Mitglieder des Klerus führte. Am 6. September 1938 unterstrich Pius XI. in einer Ansprache an belgische Pilger: "Der Antisemitismus ist unannehmbar. Spirituell sind wir alle Semiten."13 Pius XII. warnte in seiner ersten Enzyklika "Summi Pontificatus"14 vom 20. Oktober 1939 vor den Theorien, die die Einheit der menschlichen Rasse leugneten, und vor der Vergöttlichung des Staates, alles Dinge, von denen er vorhersah, daß sie zu einer wahren "Stunde der Finsternis"15 führen würden.

IV. Nazistischer Antisemitismus und Shoah
Nicht übersehen darf man den Unterschied zwischen dem Antisemitismus, der auf Theorien beruht, die der beständigen Lehre der Kirche über die Einheit des Menschengeschlechts und die gleiche Würde aller Rassen und aller Völker widersprechen, und den tiefverwurzelten Gefühlen des Mißtrauens und der Feindschaft, die wir Antijudaismus nennen und derer sich leider auch Christen schuldig gemacht haben.

Die nationalsozialistische Ideologie ging noch darüber hinaus, das heißt, sie lehnte die Anerkennung jedweder transzendenten Realität als Quelle des Lebens und Kriterium des sittlich Guten ab. Als Folge davon maßte sich eine Gruppe von Menschen - und der Staat, mit dem sie identifiziert wurde - einen absoluten Wert an und beschloß, die Existenz des jüdischen Volkes auszulöschen, jenes Volkes, das berufen war, Zeugnis für den einen Gott und das Gesetz des Bundes abzulegen. Auf theologischer Ebene können wir nicht die Tatsache übersehen, daß viele Mitglieder der Nazi-Partei nicht nur Abneigung gegen die Vorstellung einer im menschlichen Bereich wirksamen göttlichen Vorsehung an den Tag legten, sondern auch Beweise für blanken Haß gegenüber Gott selbst lieferten. Logischerweise führte diese Einstellung auch zur Ablehnung des Christentums und zu dem Wunsch, die Kirche vernichtet oder wenigstens den Interessen des nazistischen Staates unterworfen zu sehen.

Diese extreme Ideologie wurde zur Grundlage der Maßnahmen, die zuerst zur Vertreibung der Juden aus ihren Häusern und dann zu ihrer Ausrottung unternommen wurden. Die Shoah war das Werk eines typischen modernen neuheidnischen Regimes. Sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb des Christentums, und es zögerte nicht, sich bei der Verfolgung seiner Ziele der Kirche entgegenzustellen und ihre Mitglieder ebenfalls zu verfolgen.

Aber man muß sich fragen, ob die Verfolgung der Juden durch den Nazismus nicht durch die antijüdischen Vorurteile in den Köpfen und Herzen einiger Christen begünstigt wurde. Machte vielleicht das antijüdische Ressentiment die Christen weniger sensibel oder sogar gleichgültig für die Verfolgungen, die der Nationalsozialismus nach seiner Machtergreifung gegen die Juden in Gang setzte?

Jede Antwort auf diese Frage muß die Tatsache berücksichtigen, daß wir die Geschichte der Haltungen und Denkweisen von Menschen behandeln, die vielfältigen Beeinflussungen ausgesetzt waren. Mehr noch: Viele wußten nicht das Geringste von der "Endlösung", die gerade gegen ein ganzes Volk in Gang gesetzt wurde; andere hatten Angst um sich selbst und um ihre Lieben; einige zogen Vorteile aus der Situation; andere schließlich trieb der Neid. Eine Antwort muß von Fall zu Fall gegeben werden, und um sie zu geben, muß man wissen, welche Gründe genau die Menschen in einer bestimmten Situation bewegten.

Anfangs versuchten die Anführer des Dritten Reiches, die Juden zu vertreiben. Unglücklicherweise verhielten sich die Regierungen einiger westlicher Länder christlicher Tradition, einschließlich einiger Länder Nord- und Südamerikas, mehr als zögerlich, als es darum ging, ihre Grenzen für die verfolgten Juden zu öffnen. Auch wenn sie nicht voraussehen konnten, wie weit die nazistischen Parteigrößen in ihren kriminellen Absichten gehen würden, waren den führenden Persönlichkeiten dieser Nationen doch die Schwierigkeiten und Gefahren bekannt, denen die in den Gebieten des Dritten Reiches lebenden Juden ausgesetzt waren. Unter jenen Umständen stellt die Schließung der Grenzen gegen die Einwanderung von Juden - sei es aus antijüdischer Feindseligkeit oder antijüdischer Verdächtigung, aus politischer Feigheit oder Kurzsichtigkeit oder nationalem Egoismus - für die in Frage stehenden Autoritäten eine schwere Gewissenslast dar.

In den Gebieten, in denen die Nationalsozialisten Massendeportation unternahmen, hätte die Brutalität, die diese Zwangsverschleppung wehrloser Menschen begleitete, Befürchtungen für das Schlimmste auslösen müssen.

Haben die Christen den Verfolgten und im besonderen den Juden jede mögliche Hilfe geleistet?

Viele taten es, aber andere nicht. Diejenigen, die halfen, so viele Juden zu retten wie ihnen möglich war, bis zu dem Punkt, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, dürfen nicht vergessen werden. Während des Krieges und danach brachten jüdische Gemeinschaften und Persönlichkeiten ihre Dankbarkeit für das zum Ausdruck, was für sie getan worden war, eingeschlossen auch das, was Pius XII. persönlich oder durch seine Repräsentanten unternommen hatte, um das Leben von hunderttausenden von Juden zu retten.16 Viele Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien sind dafür vom Staat Israel geehrt worden.

Trotzdem war, wie Papst Johannes Paul II. eingeräumt hat, neben jenen mutigen Männern und Frauen der geistige Widerstand und das konkrete Handeln anderer Christen nicht so, wie man es von einem Jünger Christi hätte erwarten können. Wir können nicht wissen, wie viele Christen in den von den Nazi-Mächten und ihren Verbündeten besetzten oder regierten Ländern mit Schrecken das Verschwinden ihrer jüdischen Nachbarn konstatierten, aber dennoch nicht stark genug waren, ihre Stimme zum Protest zu erheben. Für die Christen muß diese schwere Gewissenslast ihrer Brüder und Schwestern während des letzten Weltkrieges ein Aufruf zur Reue sein.17

Wir bedauern zutiefst die Fehler und die Schuld dieser Söhne und Töchter der Kirche. Wir machen uns zu eigen, was das II. Vatikanische Konzil in der Erklärung "Nostra aetate" sagte, wo es unmißverständlich heißt: "Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche ... nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums, alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen von Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben."18

Wir erinnern an und bekräftigen das, was Papst Johannes Paul II. 1988 zu den Leitern der jüdischen Gemeinde von Straßburg sagte: "Ich bekräftige erneut zusammen mit Ihnen die nachdrücklichste Verurteilung jedes Antisemitismus und jedes Rassismus, die den Prinzipien des Christentums zuwiderlaufen."19 Die katholische Kirche verurteilt deswegen jegliche Verfolgung, die - wo auch immer und wann auch immer - gegen ein Volk oder eine Gruppe von Menschen unternommen wird. Sie verurteilt in nachdrücklichster Weise jede Form von Völkermord wie auch die rassistischen Ideologien, die ihn möglich gemacht haben. Im Blick auf dieses Jahrhundert schmerzt uns zutiefst die Gewalt, die ganze Gruppen von Völkern und Nationen geschlagen hat. Besonders erinnern wir an das Massaker unter den Armeniern, an die zahllosen Opfer in der Ukraine in den dreißiger Jahren, den Völkermord an den Zigeunern, der ebenfalls eine Folge rassistischer Ideen war, und an ähnliche Tragödien in Amerika, in Afrika und auf dem Balkan. Und nicht vergessen bleiben sollen die Millionen Opfer der totalitären Ideologie in der Sowjetunion, in China, in Kambodscha und anderswo. Und auch das Drama im Mittleren Orient können wir nicht vergessen, dessen Ausmaße wohlbekannt sind. Auch während wir uns die vorliegenden Gedanken machen, "werden allzu viele Menschen weiterhin zu Opfern ihrer eigenen Brüder".20

V. Mit gemeinsamem Blick auf eine gemeinsame Zukunft
Mit Blick auf die Zukunft der Beziehung zwischen Juden und Christen bitten wir unsere katholischen Brüder und Schwestern, zuerst das Bewußtsein der jüdischen Wurzeln ihres Glaubens zu erneuern. Wir bitten sie, sich daran zu erinnern, daß Jesus ein Nachkomme Davids war; daß die Jungfrau Maria und die Apostel aus dem jüdischen Volk geboren wurden; daß die Kirche aus den 'Wurzeln jenes edlen Ölbaumes Lebenskraft schöpft, auf den die Zweige des wilden Ölbaums der Heiden aufgepfropft wurden' (vgl. Röm 11,17-24); daß die Juden unsere geliebten Brüder und in einem gewissen Sinne wirklich unsere "älteren Brüder" sind.21

Am Ende dieses Jahrtausends möchte die katholische Kirche ihr tiefes Bedauern für die Versäumnisse ihrer Söhne und Töchter zu jeder Zeit bekunden. Es handelt sich um einen Akt der Reue (teshuva): Als Mitglieder der Kirche teilen wir in der Tat sowohl die Sünden wie die Verdienste all ihrer Kinder. Die Kirche nähert sich mit tiefem Respekt und großem Mitleiden der Erfahrung der Vernichtung, der Shoah, die das jüdische Volk während des Zweiten Weltkriegs erlitt. Es handelt sich nicht nur um einfache Worte, sondern um eine verbindliche Verpflichtung. "Wir laufen Gefahr, die Opfer erneut eines grausamen Todes sterben zu lassen, wenn wir nicht die Leidenschaft für die Gerechtigkeit hätten und uns nicht dafür einsetzten - ein jeder nach den eigenen Fähigkeiten - daß das Böse nicht über das Gute siegt, wie dies gegenüber Millionen von Kindern des jüdischen Volkes geschehen ist. Die Menschheit kann nicht zulassen, daß dies erneut geschieht."22

Wir beten darum, daß unser Schmerz über die Tragödie, die das jüdische Volk in unserem Jahrhundert erlitten hat, zu neuen Beziehungen mit dem jüdischen Volk führt. Wir möchten das Bewußtsein der Sünden der Vergangenheit in einen entschiedenen Einsatz für eine neue Zukunft wandeln, in der es niemals mehr Antijudaismus unter den Christen oder antichristliche Ressentiments unter den Juden gibt, sondern einen gegenseitigen Respekt, wie dies jenen zukommt, die den einzigen Schöpfer und Herrn verehren und einen gemeinsamen Vater im Glauben haben, Abraham.

Schließlich laden wir alle Männer und Frauen guten Willens dazu ein, intensiv über die Bedeutung der Shoah nachzudenken. Die Opfer in ihren Gräbern und die Überlebenden durch ihr lebendiges Zeugnis dessen, was sie erlitten haben, sind zu einem unüberhörbaren Schrei geworden, der die Aufmerksamkeit der gesamten Menschheit weckt. Sich an das schreckliche Drama zu erinnern heißt, sich umfassend der heilsamen Mahnung bewußt zu werden, die es in sich birgt: Der giftige Samen des Antijudaismus und Antisemitismus darf niemals im Herzen der Menschen Wurzeln schlagen.

16. März 1998

Kardinal Edward Idris Cassidy, Präsident
Bischof Pierre Duprey, Vize-Präsident
Remi Hoeckman O.P., Sekretär

Anmerkungen:
1. Papst Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio Millenio Adveniente, 10. November 1994, 33: AAS 7 (1995), 25.

2. Vgl. Papst Johannes Paul II., Ansprache in der Synagoge von Rom, 13. April 1986. 4: AAS 78 (1986), 1120.

3. ders., Angelus-Gebet, 11. Juni 1995: Insegnamenti 18/1, 1995, 1712.

4. Grußwort an die Oberen der Juden in Budapest, 18. August 1991, 4: Insegnamenti 14/2, 1991, 349.

5. ders., Enzyklika Centesimus Annus, 1991, 17: AAS 83 (1991), 814-815.

6. Vgl. Papst Johannes Paul 11., Grußwort an die Delegierten der Bischofskonferenzen für die Katholisch-Jüdischen Beziehungen, 6. März 1982: Insegnamenti 5/1, 1982, 743-747.

7. Vgl. Kommission des Hl. Stuhls für die Religiösen Beziehungen zum Judentum, Arterkungen zur korrekten Art der Darstellung der Juden und des Judentums in Predigt und Katechese in der römisch-katholischen Kirche, 24. Juni 1985, VI,1: Ench. Vat. 9, 1656.

8. Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Symposion über die Wurzeln des Anti-Judaismus, 31. Oktober 1997, 1: L´Osservatore Romano, 1. November 1997, S. 6.

9. Vgl. Konzilserklärung Nostra aetate, 4.

10. Vgl. B. Statiewski (Hg.). Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche, 1933-1945, Bd. 1, 1933-34 (Mainz 1968), Anhang.

11. Vgl. L. Volk, Der Bayerische Episkopat und der Nationalsozialismus 1930-1934 (Mainz 1966), S. 170, 174.

12. Die Enzyklika ist mit 14. März 1937 datiert: AAS 29 (1937), 145-167.

13. La Documentation Catholique, 29 (1939), col. 1460.

14. AAS 31 (1939), 413-435.

15. Ebd., 449.

16. Die Klugheit der Diplomatie Papst Pius XII. wurde bei einer Reihe von Gelegenheiten von Repräsentanten jüdischer Organisationen und Persönlichkeiten öffentlich anerkannt. Dr. Joseph Nathan, der die Italienische Jüdische Kommission vertrat, stellte am 7. September 1945 fest: "Vor allem zeigen wir uns dem Papst und den gläubigen Männern und Frauen erkenntlich, die, in Ausführung der Direktiven des Hl. Vaters, die Verfolgten als ihre Brüder erkannten und mit Einsatz und Selbstlosigkeit uns zu Hilfe eilten, ohne Rücksicht auf die schrecklichen Gefahren, in die sie sich damit selbst begaben" (L'Osservatore Romano, 8. September 1945, S. 2). Am 21. September desselben Jahres empfing Pius XII. in Audienz Dr. A. Leo Kubowitzki, den Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses. Dieser überbrachte "im Namen der Union der Israelitischen Gemeinschaften dem Hl. Vater den wärmsten Dank für den Einsatz der katholischen Kirche für die Juden in Europa während des Krieges" (L'Osservatore Romano, 23. September 1945, S. 1). Am Donnerstag, 29. November 1945, traf der Papst mit rund 80 Vertretern jüdischer Flüchtlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern in Deutschland zusammen. Sie bezeichneten es als "eine große Ehre, die Möglichkeit zu haben, dem Hl. Vater persönlich für seinen Großmut gegenüber denen zu danken, die während der Zeit der Nazi-Faschisten verfolgt wurden" (L'Osservatore Romano, 30. November 1945, S. 1). 1958, zum Tod Papst Pius XII., schickte Golda Meir eine vielsagende Botschaft: "Wir teilen den Schmerz der Menschheit. Als das furchtbare Martyrium unser Volk heimsuchte, erhob sich die Stimme des Papstes für seine Opfer. Das Leben unserer Zeit wurde von einer Stimme bereichert, die über allem Aufruhr des täglichen Konflikts große moralische Wahrheiten zur Sprache brachte. Wir trauern um einen großen Diener des Friedens."

17. Vgl. Papst Johannes Paul II., Grußwort an den neuen Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl, 8. November 1990, 2: AAS 83 (1991), 587-588.

18. Ebd., Nr. 4.

19. Grußwort an jüdische Führer, Straßburg, 9. Oktober 1988, Nr. 8: Insegnamenti 11/3. 1988, 1134.

20. Papst Johannes Paul II., Grußwort an das Diplomatische Corps, 15. Jänner 1994, 9: AAS 86 (1994), 816.

21. Ders., Ansprache in der Synagoge von Rom, 13. April 1986, 4: AAS 78 (1986), 1120.

22. Papst Johannes Paul II., Grußwort aus Anlaß des Gedenkens an die Shoah, 7. April 1994, 3: Insegnamenti 17/1, 1994, 897 und 893.

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Inserito 01/01/1970